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Draussen – 24 Stunden mit einem Obdachlosen

27. Februar, 2016

Mit der Reportage „Draußen“ hat Kathrin Aldenhoff gemeinsam mit der Fotografin China Hopson eine beeindruckende Geschichte über einen obdachlosen Mann aus Bremen produziert.

Dank des starken Protagonisten und der reduzierten Bildsprache gelingt ihr damit eine besonders intime und schnörkellose Umsetzung, in der sie stets die Augenhöhe mit ihrem Hauptdarsteller bewahrt. In der Zwischenzeit wurde die Multimedia Reportage für den Grimme Online Award 2016 nominiert.

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“Nicht unzufrieden, nicht zufrieden. Aber glücklich auch nicht“ (Peter True)

Peter True lässt uns dabei tief in seine Seele blicken. Scheinbar frei von Verletzbarkeit vertraut er uns seine Geschichte an, weiht uns in sein Leben ein. Und es fällt schnell leicht, ihm direkt mit Empathie und offenem Herzen zu begegnen.

Uns hat der Hintergrund dieser berührenden Geschichte interessiert. Und so haben wir die Autorin Kathrin Aldenhoff gebeten, uns ein paar Fragen zu beantworten:

Liebe Frau Aldenhoff, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns nehmen. Wir würden zuerst gern wissen: 

Wie haben Sie Herrn True kennengelernt und warum haben Sie gerade das beschwerliche Thema Obdachlosigkeit gewählt?

Die Fotografin China Hopson und ich haben Peter True bei einer Pressekonferenz des Bremer Aktionsbündnisses Menschenrecht auf Wohnen kennengelernt. In dem Aktionsbündnis engagieren sich unter anderem Betroffene, Sozialarbeiter und Obdachlose. Peter war auch da, um seine Perspektive einzubringen.

Nach der Pressekonferenz habe ich mich mit Peter darüber unterhalten, wie er auf der Straße gelandet ist. Mich haben schon in dem kurzen Gespräch seine Offenheit und die Klarheit, mit der er über seine Situation gesprochen hat, beeindruckt. Auf dem Weg in die Redaktion haben China und ich über Peter gesprochen und uns war schnell klar, dass wir versuchen wollen, seinen Alltag zu verstehen.

Über Joachim Barloschky vom Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen haben wir angefragt, ob Peter sich vorstellen könnte, uns einen Tag lang mitzunehmen – und haben uns sehr gefreut, als er zugesagt hat.

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Sie haben Herrn True ja 24 Stunden lang auf der Straße begleitet, inklusive einer Übernachtung im Freien. 

Wie haben Sie sich auf diese extreme Situation vorbereitet und wie haben die anderen Personen aus dem Umfeld von Herrn True auf Sie reagiert?

Peter und ich haben uns Mitte Dezember getroffen, um zu besprechen, wie China und ich uns vorbereiten können. Er sagte mir, dass wir Isomatten, Schlafsäcke, Mützen, dicke Socken und überhaupt so viel warme Kleidung wie möglich bräuchten. Und er sagte, er wäre uns nicht böse, wenn wir die Aktion mittendrin abbrächen. Das wollten wir natürlich nicht, wir hatten aber durchaus Bedenken: Können wir auf der Straße überhaupt schlafen? Wird es nicht schrecklich kalt? Und wo geht man auf die Toilette, wenn man auf der Straße schläft?

Dann haben wir uns klar gemacht: Es gibt Menschen, die müssen seit Jahren auf der Straße schlafen. Da werden wir es schon eine Nacht aushalten. Peter hatte seinen Bekannten von unserem Vorhaben erzählt, es wussten also alle Bescheid. China konnte fotografieren, ich durfte viel fragen und zuhören. Die meisten haben sich gefreut, dass wir das einen Tag lang alles mitmachen, uns für ihre Welt interessieren. Manche meinten aber auch: „Das haltet ihr nicht durch.“ Haben wir aber.

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Was könnte der Journalismus Ihrer Ansicht nach tun, um Leser ähnlich konstruktiv mit den schmerzhaften Seiten unseres Zusammenlebens anzusprechen, so wie Sie es mit „Draußen“ tun? 

Mit dem Thema Obdachlosigkeit – das so allgegenwärtig und im Alltag offenbar ist – und einem so offenen Protagonisten wie Peter ist es natürlich vergleichsweise einfach, genau das zu erreichen. Wichtig ist, sich mit Themen zu beschäftigen, die Nähe herstellen. Geschichten so zu erzählen, dass sich Leser/User einfühlen können, dass es ihnen leicht fällt, sich darauf einzulassen. Und dafür hilft es, den Alltag von Menschen kennen zu lernen und in der Folge zu schildern, um ihn damit für andere erlebbar zu machen – was wiederum mit der Ergänzung durch Ton und Bild meist besser gelingt als mit reinem Text.

Die Multimedia Reportage erschien gemeinsam mit einer klassischen Print-Reportage und einer Fotostrecke. 

Was hat Sie motiviert, die Geschichte in mehreren Formaten, also auch mit Pageflow zu erzählen?

Weil Peter schon bei den ersten Treffen so offen mit uns gesprochen hat, entstand die Idee, neben einer langen Printreportage auch eine Multimedia-Reportage zu machen. Peter war einverstanden, wir haben ihn vor der Kamera interviewt und sehr berührende, offene Antworten von ihm bekommen. Auch die Geräusche, die Straße, die so laut ist, selbst in der Nacht, machten es für uns spannend, die Geschichte multimedial aufzuarbeiten. Pageflow ist ein schönes Tool, um emotionale, bildstarke Geschichten zu erzählen – und genauso eine Geschichte hatten wir zu erzählen.

Sie haben vor „Draußen“ bereits andere Multimedia Reportagen für den Weser Kurier realisiert. Unter anderem waren Sie zusammen mit Frau Hopson für „Zukunft auf Griechisch“ auf der griechischen Insel Evia unterwegs. Auch dieser Beitrag gefällt uns aufgrund seiner ruhigen Erzählweise sehr gut. 

Wo haben Sie das Handwerk des digitalen Storytellings gelernt und wie schätzen Sie die Zukunft dieser journalistischen Disziplin ein?

Um eine gute Geschichte zu erzählen, ist es, denke ich, erst einmal egal, ob man sie als Printgeschichte oder als Multimediageschichte erzählt. Storytelling gibt es ja auch im Print. Das Prinzip, gute Geschichten spannend zu erzählen, auf die Art und Weise und in der Länge, wie es die Geschichte verlangt – das ist, glaube ich, die Zukunft.

Multimedia-Reportagen zu bauen, habe ich unter anderem bei einer Volontärsschulung beim Weser-Kurier gelernt. In einer Woche haben wir in Gruppen Themen gesucht, recherchiert und dann multimedial in einem Pageflow umgesetzt. Ich glaube es ist wichtig, sich in diese multimediale Logik hineinzudenken, dann ergeben sich die einzelnen Elemente fast von alleine.

Dann kann man entscheiden: Wo bietet sich ein Atmo-Ton an, wo ein Video, wo brauche ich mehr Text, wo vielleicht eine animierte Grafik. Multimedia-Reportagen sind tolle, intensive Formate, mit denen die Medien ihren Nutzern viel bieten können. Beim Weser-Kurier haben wir das Ziel, jeden Monat eine Multimedia-Reportage zu veröffentlichen.

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“Zukunft auf Griechisch” von Kathrin Aldenhoff und China Hopson

Gibt es eventuell ein paar Erfahrungen oder Regeln zum multimedialen Storytelling, die Sie mit uns und den Lesern teilen möchten? Und: Haben Sie vielleicht auch spezielle Tipps, die für die Nutzer von Pageflow hilfreich sein könnten?

Hilfreich ist es sicherlich, vorher einen Plan zu haben: Was ist die Geschichte, wie will ich sie erzählen, welche Elemente brauche ich. Aber ehrlich gesagt hatte ich so einen Plan vor unseren 24 Stunden mit Peter nicht. Die Geschichte hat sich entwickelt im Laufe des Tages, wir haben ein paar Dinge ausprobiert und es hat gut funktioniert.

Wichtig ist immer, auf die Qualität des Tons zu achten, das geht schnell mal unter, wenn man mit Bildern und Videos beschäftigt ist. Aber ein guter Ton ist wichtig, damit alles zusammen wirken kann. Das habe ich aus den Pageflows, die ich bisher gebaut habe, gelernt.

Herzlichen Dank, Frau Aldenhoff. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg für Ihren journalistischen Werdegang und sind gespannt, was wir in Zukunft noch von Ihnen lesen und sehen dürfen.

Kathrin Aldenhoff, 31, hat an der Universität Freiburg und der Journalistenschule der Universität Strasbourg Deutsch-Französische Journalistik studiert. Danach arbeitete die gebürtige Münchnerin ein Jahr lang als Journalistin in Moskau und kam im Jahr 2013 zum Weser-Kurier nach Bremen.

China Hopson ist in Ludwigsburg aufgewachsen. Die 29-Jährige studiert Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover.

Links zu den Reportagen:
http://multimedia.weser-kurier.de/draussen
http://multimedia.weser-kurier.de/zukunft-auf-griechisch

Link zum Artikel:
http://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadtreport_artikel,-Obdachlos-Ueberleben-auf-der-Strasse-_arid,1302687.html


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